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Wong Ping: Earwax (Ohrenschmalz)

04. Mrz.–26. Jun. 2022

Kuratiert von Hou Hanru

Wong Ping, film still from Crumbling Earwax, 2022, 3-channel video, 10 min., commissioned by Times Art Center Berlin, courtesy of the artist.


Dringt da ein Murmeln aus jemandes Ohr.
Es ist das Echo, einem Übermaß an unerquicklichen Worten entsprungen,
die vom Trommelfell blockiert wurden. 
Die, die es hindurch geschafft haben, sind nichts als Unsinn, 
nur das Ohrenschmalz bleibt eine Weisheit.
Denke bloß nicht daran, das Schmalz herauszuklauben oder mit einem Wattestäbchen herumzustochern.
Wenn du die Watte in eine Ecke drückst
wirst du den Widerstand der unterdrückten Watte kaum überleben.


Machst du deinen Eltern keine Schande,
wenn du nicht einmal ein bisschen Juckreiz aushalten kannst?
Warte, bis das Wachs herausfällt und auf deinen Schultern landet wie Eier, die aus Fischbäuchen platzen,
dann kannst du einsammeln, soviel du willst.  


Oh, und ja, 
mein Trommelfell war schon vor der Hochzeit geplatzt, 
ist das ein Problem für dich?

Wong Ping, Earwax (Ohrenschmalz)

Wong Ping, „blah-blah-blah“, 2022, copper sculpture and ping pong machines, commissioned by Times Art Center Berlin, courtesy of the artist. Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Wong Ping, „Crumbling Earwax“, 2022, 3-channel video installation, rock installation, commissioned by Times Art Center Berlin, courtesy of the artist. Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Wong Ping, „blah-blah-blah“, 2022, copper sculpture and ping pong machines, commissioned by Times Art Center Berlin, courtesy of the artist. Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Wong Ping, „blah-blah-blah“, 2022, copper sculpture and ping pong machines, commissioned by Times Art Center Berlin, courtesy of the artist. Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Wong Ping, „Crumbling Earwax“, 2022, 3-channel video installation, rock installation, commissioned by Times Art Center Berlin, courtesy of the artist. Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Wong Ping, „Nail Wong Ping“, 2022, facade poster, commissioned by Times Art Center Berlin, courtesy of the artist. Photo: Jens Ziehe, Berlin.

Wong Ping ist einer der exzentrischsten Künstler unserer Zeit … Was wahrscheinlich daran liegt, dass er in einer überaus exzentrischen Stadt namens Hongkong aufgewachsen ist, gefangen in einer noch exzentrischeren Zeit, die als postkolonial-neokoloniale Übergangsperiode bezeichnet wird. Und nun kommen wir nicht umhin, uns mit einem noch weitaus exzentrischeren „neuen Zeitalter“ auseinanderzusetzen, das seltsamerweise als „Covid und post/neo-Covid“ bezeichnet wird und die Welt insgesamt in einen exzentrischen Ort verwandelt. Es ließe sich auch als innovative Ökologie des Lebens bezeichnen.

Wie diesem neuen Zeitalter begegnen? Wong Ping orientiert sich gerne an den Tagesnachrichten, denn dort gibt es viele exzentrische Geschichten. So hatte der Besitzer eines allgemein als „Nagelhaus“ bezeichneten alten Gebäudes in Shanghai seine Fassade mit Plakaten des nationalen Führers bedeckt, in der Hoffnung, damit die Bulldozer aufzuhalten. Inspiriert von dieser ins Auge springenden Geschichte „kulturellen Ausdrucks“, einer Geste des Widerstands gegen die städtische Gentrifizierung, die sich im neuen „Vaterland“ abspielte (das seine Autorität zunehmend auf Pings Stadt ausdehnt), beschloss der Künstler, die Vorder- und Rückseite des Times Art Center Berlin mit verschwommenen und sich überlappenden Plakaten seines Gesichts zu versehen … (Was für ein nützlicher Talisman! Vielleicht bleibt das Gebäude, in dem das Times Art Center Berlin untergebracht ist, nun für immer bestehen, auch wenn Berlin zunehmend gentrifiziert wird!)

Dann werden wir in die Ausstellungsräume geführt: Es ist eine weitere exzentrische Reise in Pings Kopf, genauer, eine Reise durch einen Gehörgang in seine „innere Welt“ … Eine Reise auf der Suche nach Wahrheit und damit nach Glück. Sobald wir im Inneren angelangt sind, begrüßt uns Ping mit einer klaren Botschaft: „Was es geschafft hat, durch das Trommelfell zu dringen, ist alles Unsinn. Die einzig wahre Weisheit ist Ohrenschmalz!“

Und dann erreicht uns ein vager, aber klarer Klang aus dem Inneren … Er ist leicht, „poetisch“, etwas chaotisch und sogar unkontrolliert erotisch … Der Raum wird plötzlich transparent, aber er schließt uns auch ein. Womöglich handelt es sich um ein Vorzimmer von Platons Höhle, in der das, was man sieht, nur Schatten der eigentlichen Dinge sind. Hier, im Vorzimmer, sind nur Dinge ohne Schatten zu sehen. Welches ist nun die wirkliche Welt? 

Aus Hongkong grüßt uns Ping, ziemlich intim, über den geheimen Kanal – seine Ohren sind jetzt mit unseren verbunden. Gibt es in diesem „pandemischen neuen Zeitalter“ auf der anderen Seite der Welt eine Öffnung nach draußen, die an die frische Luft führt? 

Wir verlieben uns in Ping … Es wird Zeit, wieder einmal El amor en los tiempos del cólera (Gabriel Garcia Márquez) zu lesen.

Hou Hanru
9. Dezember 2021


Video zur Ausstellung anschauen


Vorherige Ausstellung:

Más Allá, el Mar Canta

15. September – 19. December 2021