< zurück

Más Allá, el Mar Canta (Jenseits Singt das Meer)

16. Sep.–19. Dez. 2021

Diasporic Intimacies and Labor

Kuratiert von Pablo José Ramírez

Künstler*innen: Esvin Alarcón Lam, Sybil Atteck, Nicole Awai, Mercedes Azpilicueta, Andrea Chung, Colectivo Hapa, Christopher Cozier, Richard Fung, Mimian Hsu, Peng Zuqiang, Naufus Ramírez-Figueroa, Humberto Vélez, David Zink Yi

Christopher Cozier, Home/Portal, Berlin version, 2021, Christopher Cozier in collaboration with Haishu Chen, mixed media, dimensions variable, courtesy of the artist, photograph: Haishu Chen.

Diasporische Intimitäten ist die Saat, die im zufälligen Zusammenwirken von Schmerz und Emanzipation zur Keimung kommt. Sie sind die dialektische Seite von kolonialer Arbeit und bergen Orte der Heilung, Fürsorge und Liebe, abseits der entfremdenden Systeme des Kolonialismus. Historische Berichte zum Kolonialismus haben Erzählungen diasporischer Intimität und Vertrautheit oft als unbedeutende Ereignisse oder private Angelegenheiten abgetan. Dies verschleiert aber eben jene kreativen Kräfte, die es möglich machten, ein Gemeinschaftsleben zu reproduzieren – und damit auch Kulturen der Resilienz. Inmitten der Gewalt kolonialer Arbeitsverhältnisse fanden Menschen zunächst einmal zueinander, um miteinander zu leben.

Im späten 19. Jahrhundert immigrierten Tausende von chinesischen Arbeiter*innen zu den 1848 und 1849 entdeckten Goldminen nach Kalifornien. Von dort zogen viele von ihnen auf der Suche nach besserer Arbeit um die Wende zum 20. Jahrhunderts nach Mexiko weiter und verdingten sich auf Bananenplantagen oder in anderen Landwirtschaften, in Mühlen und beim Bau der transkontinentalen Eisenbahnstrecken. Angesichts der extremen Ausbeutung, Diskriminierung, Armut und neuen Migrationsgesetzen nach der mexikanischen Revolution von 1910 wandten sich viele Chines*innen noch weiter in Richtung Süden. Sie zogen nach Zentralamerika und in die Karibik, wo sie auf andere unabhängige Arbeiter*innen trafen, die aus den Häfen in Hongkong, Amoi, Fuzhou, Macau und Shanghai über Japan und Kalifornien nach Lateinamerika gelangt waren.

Chinesische Arbeitskräfte spielten eine zentrale Rolle beim Bau des Panamakanals, des gigantischen Wasserbauvorhabens, das den Seehandel über den Atlantik von Grund auf veränderte. Chines*innen trugen auch zum Aufbau der Holzindustrie in Belize bei und arbeiteten neben einheimischen und afrikanischen Arbeiter*innen auf den Bananenplantagen der United Fruit Company (UFCO), die sich dort im Gefolge der CIA-gelenkten Interventionen in Honduras, Nicaragua und Guatemala ausbreiteten. Das Projekt der Moderne im 20. Jahrhundert war nur aufgrund kolonialer Ausbeutung und diasporischer Süd-Süd-Bewegungen über die Ozeane hinweg möglich.

Mercedes Azpilicueta, Molecular Love (Mestizo) Act 32016-ongoing, installation and performance, commissioned by Times Art Center Berlin, courtesy of the artist. Foto: Jens Ziehe

Mercedes Azpilicueta, Molecular Love (Mestizo) Act 32016-ongoing, installation and performance, commissioned by Times Art Center Berlin, courtesy of the artist. Foto: Jens Ziehe

Richard Fung, installation view of Islands, 2002, single-channel video, 8:45 min., distributor Vtape, courtesy of the artist. Foto: Jens Ziehe

Humberto Vélez, The Last Builder, 2008, Super 8, black-and-white, transferred to video, music by Nikola Kodjabashia, courtesy of the artist. Foto: Jens Ziehe

David Zink Yi, All My Colours, 2021, ceramics, courtesy of the artist. Foto: Jens Ziehe

Die von Pablo José Ramírez kuratierte Ausstellung Más Allá, el Mar Canta ist vom gleichnamigen Buch des afro-chinesischen, kubanischen Autors Regino Pedroso inspiriert. Für dieses Werk erhielt er 1939 den Kubanischen Lyrikpreis, der ihn als eine einzigartige Stimme in der lateinamerikanischen Literatur auszeichnete. Sein berühmter Zeitgenosse Nicolás Guillén umschrieb das Werk seines Dichterfreundes als das „Strömen eines breiten, langsamen Flusses durch Asien und Afrika bis zu seiner Mündung in Kuba“. Pedrosos Gedichte gehen über vor Leidenschaft und Schmerz. Sie verbinden das Dickicht kolonialer Arbeit mit der Moderne zu einer einzigartigen, nicht-Westlichen Ästhetik.

Más Allá, el Mar Canta nimmt Migrationserzählungen in Mittelamerika und der Karibik zum Ausgangspunkt, um Systeme der Zugehörigkeit und Ontologien der Begegnung zu untersuchen. Die in der Ausstellung vertretenen Künstler*innen verleihen dem kollektiven Gedächtnis diasporischer Subjektivitäten durch persönliche Erzählungen eine Stimme – stets mit der eindringlichen Mahnung, dass es ohne Gemeinschaft keine politische Vorstellung geben kann. Ihre Werke sind ein einzigartiges Zeugnis darüber, wie sich aus den Ruinen der Kolonialgeschichte gemeinschaftliche, selbstbestimmte und politische Handlungsräume eröffnen.

Jahrhunderte im Kampf der Sehnsüchte

gegen die hohen Mauern;

Verlöschende Sterne

in Himmelstiefen;

gegen feudale Türme,

Traum, Auge, Faust;

gegen Sklavenketten,

der Zorn der Vielen;

Sudelkehle öffnet sich

für nackte Gesänge;

Sie entzünden die Meere

mit der Flamme des Muskels…

Jahrhunderte, stehend in der Nacht,

erwecken die Zukunft!

Regino Pedroso

(aus: „Y fue el tumulto…“)


Vorherige Ausstellung

Angst, Keine Angst / 畏无所畏 / Fear, No Fear

07. April 2021 – 17. July 2021